Montag 19. November 2018

Ein Meilenstein in der Geschichte der Katholischen Kirche

Vor über 50 Jahren, am 11. Oktober 1962, zogen rund 2.500 Kardinäle und Bischöfe zusammen mit Papst Johannes XXIII. zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) feierlich in den Petersdom in Rom ein. Das Konzil sollte zum wichtigsten kirchlichen Ereignis des 20. Jahrhunderts werden. Unter dem Begriff vom „Aggiornamento“, also der Öffnung der Kirche hin zur Welt, leitete es umfangreiche Reformen der katholischen Kirche ein. Dazu zählen Gottesdienste in der Muttersprache, die Anerkennung der staatlichen Religionsfreiheit, ein stärkeres Miteinander der christlichen Konfessionen (Ökumene) und der Dialog mit nichtchristlichen Religionen.

Fotos von der Konzilszeit zeigen Konzilsväter (Bischöfe, die am Konzil teilnahmen) und TheologInnen im Gespräch, lachend und ernst. Sie sitzen im Garten zusammen oder stehen auf dem Platz vor einer Kirche und diskutieren, manchmal auch hitzig. Eines war das Konzil auf jeden Fall: überraschend. Das Zweite Vatikanische Konzil, das am 11. Oktober vor 50 Jahren eröffnet wurde, gab der Kirche ein neues Gesicht.

 

Wenn Bischöfe mit dem Bus fahren

In einem Beitrag eines deutschen Fernsehsenders wurde die Atmosphäre während des Konzils näher beleuchtet. Die Bilder zeigten das Leben während des Konzils. Manche Bischöfe mussten mit dem Bus durch das heiße Rom zu den Konzilssitzungen fahren. Der positive Effekt dieser Busfahrten: Die Bischöfe hörten, was die Menschen um sie herum bewegte. Vielleicht hatte auch dieser Umstand Einfluss auf die Konzilsentscheidungen.

Rund 2.500 Bischöfe (Konzilsväter) saßen Wochen und Tage zusammen, berieten sich in kleineren oder größeren Gruppen, schrieben ganze Textvorlagen neu und rangen um Entscheidungen. Das Konzil sollte nach den Vorstellungen der planenden Kardinäle nur drei Monate dauern – es dauerte drei Jahre und brachte überraschende Ergebnisse.

 

Man ist nicht der Koch, sondern wird gekocht“

Ob der neue Zugang zur Bibel, das Verständnis von Kirche, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Glaube und Kirche oder schlicht die behandelten Themen – das Konzil war für viele so überraschend, dass die Verwunderung auch heute noch zu spüren ist. Der große Konzilstheologe Karl Rahner zum Beispiel schrieb im Jahr 1963 an seinen Bruder: „Es ist merkwürdig bei diesem Konzil … Man ist in einen Topf geworfen, ist nicht der Koch, sondern wird gekocht und wie die Suppe am Ende aussieht, das weiß man erst am Ende ...“

 

Der Geist des Konzils

Die TheologInnen berichten, dass es in früheren Konzilien einfach nicht denkbar war, die vorgelegten Entwürfe der Konzilsdokumente neu zu schreiben – aber genau das geschah. Viele namhafte Konzilsväter oder Berater erwarteten sich vor dem Beginn nicht viel vom Zweiten Vatikanischen Konzil, KatholikInnen aller Richtungen ließen vor dem Konzil die Köpfe resigniert hängen. Doch die Dynamik und Ereignisse während des Konzils übertrafen alle Erwartungen. Wahrscheinlich ist das gemeint, wenn so viele vom „Geist des Konzils“ sprechen.


Ein neues Profil der Kirche

Was sind Stichworte aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil, die der Kirche ein neues Profil gaben?

•  Neuorientierung der Kirche

•  „Frischluft“ in der Kirche

•  Erneuerung innerhalb der Kirche durch Öffnung zur Welt hin

•  Paradigmenwechsel in der Theologie

•  „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute“

    (Pastoralkonstitution Gaudium et Spes 1) als Maßstab kirchlichen Handelns

•  Heilszusage für alle Menschen durch Christus

•  Zugehen auf die anderen christlichen Kirchen und Weltreligionen

•  Aggiornamento (Verheutigung)

•  Coraggio (Mut)

 

Papst Johannes XXIII. hat für die Kirche sehr überraschend das Zweite Vatikanische Konzil einberufen. Seine Ankündigung und Eröffnungsansprache waren richtungsweisend und bewegend.

„Dies soll zu je größerer Übereinstimmung mit dem authentischen Glaubensgut führen, indem es mit wissenschaftlichen Methoden erforscht und mit den sprachlichen Ausdrucksformen des modernen Denkens dargelegt werde“, so Papst Johannes XXIII.

 

Modernes Denken: Quantensprung in der Theologie

Die Theologie machte durch das Zweite Vatikanische Konzil einen Quantensprung. Das Kirchenbild veränderte sich radikal. War vor dem Konzil das Bild der sich vor der Welt schützenden Burg vorherrschend und war die Kirche mehr oder weniger Christus gleichgestellt, so definierte das Konzil Kirche als Werkzeug des Heils und sprach vom wandernden Gottesvolk. Alle machen die Kirche aus, Priester und Laien – es ist vom gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen die Rede.

Die Theologie öffnete sich zur modernen Wissenschaft hin, es entstand der Dialog mit den Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften – das zeigte sich zum Beispiel in der Bibelauslegung und der Religionspädagogik.

Die Pastoral richtete sich neu aus. Es wurde zuerst nach den Zeichen der Zeit gefragt; sie wurden im Licht des Evangeliums gedeutet, dann erst wurden Antworten gegeben. Das Konzilsdokument „Gaudium et spes“, welches das Verhältnis der Kirche zur Welt und die Seelsorge zum Thema hat, war gar nicht vorgesehen und wurde dennoch geschrieben und verabschiedet. Erstmals wurde in dieser Deutlichkeit auf brennende Themen der Gesellschaft direkt eingegangen und die Würde des Menschen und seine Bedürfnisse wahrgenommen. Besonders sind die Erklärungen im Hinblick auf die anderen christlichen Kirchen und anderen Religionen zu betonen. Erstmals wurden andere christliche (orthodoxe) Konfessionen als KIRCHEN bezeichnet, eine Erklärung zu den Weltreligionen abgegeben und ein Recht auf religiöse Freiheit eingeräumt. Das hat vor allem die Vertreter der anderen Religionen und christlichen Konfessionen beeindruckt und überrascht.

 

Am deutlichsten spürbar und hörbar für die Gläubigen in der ganzen Welt nach dem Konzil war, dass die Liturgie nun in der jeweiligen Landessprache gefeiert wurde. Die Gestaltung der Gottesdienste, die Lieder, die Feiern veränderten sich – ein Aufbruch war spürbar. Dies zeigt sich auch in der Architektur und Innenraumgestaltung nachkonziliarer Kirchen.

 

Videos und Stellungnahmen zum Zweiten Vatikanischen Konzil, die von der Katholischen Jugend OÖ anlässlich der Eröffnungsfeier des Projekts aufgenommen wurden, finden Sie HIER

 

Weitere Informationen erhalten Sie außerdem im Konzilsarchiv der Kathpress.

 

Konzilstexte finden Sie HIER.

http://konzilsgespraeche.at/
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