Mittwoch 23. Mai 2018
Jubiläum:

50 Jahre Liturgiekonstitution

Die Liturgiekonstitution, die als erstes
Dokument des II. Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren - am 4.
Dezember 1963 - verabschiedet wurde, war eine theologische
Weichenstellung für den weiteren Verlauf der Kirchenversammlung und
getragen vom Mut zum Aufbruch aus alten Geleisen. Im Bereich der
Liturgie zeigte sich das im Wandel von einer "einseitig klerikalen
Angelegenheit", in der die Gemeinde einer Messe "beiwohnte", wie es
der emeritierte Salzburger Liturgiewissenschaftler Franz Nikolasch
einmal nannte. Nach jetzigem Verständnis ist das Volk Gottes Träger
des liturgischen Geschehens und zur aktiven Teilnahme ("actuosa
participatio") aufgefordert.


Schon der unvergessene Karl Rahner hatte die Liturgiekonstitution
"Sacrosanctum Concilium" im Blick auf die wichtigsten Anliegen des
Konzils als programmatisch bezeichnet: die Bedeutung des
Gottesvolkes als Communio, das allgemeine Priestertum aller
Getauften, eine neue Hinwendung zur Bibel, die Aufwertung der
Lokalkirchen und Sensibilität für pastorale Erfordernisse. Und auch
der Konzilstheologe Joseph Ratzinger hatte als Papst Benedikt XVI.
erklärt, die Liturgiekonstitution enthalte "in nuce", also
komprimiert, alle wesentlichen Neuerungen durch das Konzil.

Freilich wurde das Dokument in der Folge nicht nur positiv bewertet,
es hatte eine äußerst bewegte Rezeptionsgeschichte mit viel Spannung
zwischen Einheit und Vielfalt, "Bewahrern" und "Erneuerern". Die
Mahnung des Konzils, Reformen in der Liturgie nur bei einem
"wirklichen und sicher zu erhoffenden Nutzen der Kirche"
einzuführen, sei nicht in allen Fällen beachtet worden, meinten
Kritiker. Vielfach war von einer Verflachung und Banalisierung die
Rede, die mit Volksaltar, Muttersprache und "Niedrigschwelligkeit"
einhergegangen seien. Berühmt wurde das Buch "Das Konzil der
Buchhalter" des deutschen Psychoanalytikers Alfred Lorenzer, das in
genau diese Kerbe schlägt. Jüngeren Datums ist das Buch "Häresie der
Formlosigkeit" (2007) des deutschen Schriftstellers Martin Mosebach,
der als deklarierter "Reaktionär" die Rückkehr zur Tridentinischen
Messe forderte.

Eine kirchliche Schlüsselfigur des Widerstands gegen die Neuerungen
im Gefolge des Konzils - nicht nur im Bereich der Liturgie - wurde
der französische Erzbischof Marcel Lefebvre. Er stimmte während der
Kirchenversammlung trotz vieler kritischer Einwände letztlich der
Liturgiekonstitution und auch fast allen übrigen Konzilsdokumenten
zu, ging nach Abschluss des Konzils aber zunehmend auf
Konfrontationskurs zu den postkonziliaren Entwicklungen und wurde
1988 exkommuniziert.

Messsprache Latein macht noch kein Mysterium

Der Klosterneuburger Liturgiewissenschaftler Andreas Redtenbacher
bezeichnete im Gespräch mit "Kathpress" derartige reaktionäre
Rückgriffe als eine von mehreren Fehlentwicklungen nach dem Konzil.
Es sei ein glattes "Missverständnis", das Mysterium des Glaubens
durch Fremdsprachigkeit und mit dem Rücken zum Volk quasi absichern
zu wollen. Das eigentliche Geheimnis ist nach den Worten
Redtenbachers das Pascha-Mysterium: dass Jesus in der
Eucharistiefeier tatsächlich gegenwärtig ist und eine unmittelbare
"Berührung mit Gott" geschieht - das müsse auch sichtbar werden und
in der Feier von allen mitvollziehbar sein.

Hinter dem vorkonziliaren alten Messritus stehe ein andersgeartetes
Verständnis, eine andere "Liturgietheologie", wie der an der
Theologischen Fakultät Vallendar (Deutschland) lehrende
Augustiner-Chorherr anmerkte. Diese habe Papst Benedikt mit seiner
Zulassung der Außerordentlichen Form der Messe ("Vorkonziliarer
Ritus") im Jahr 2007 allerdings missverständlich wieder aufleben
lassen. Ähnlich sieht es der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl, als
Konzilsschreiber ein Zeitzeuge, der Benedikts Schritt als "ein
Zurück hinter das, was die Liturgieerneuerung des Konzils wollte",
bewertet; da stünden "einander zwei Kirchenbilder gegenüber".

"Liturgiepastoral" gegen Wildwuchs und Banalität

Als Fehlentwicklung in die entgegengesetzte Richtung betrachtet
Redtenbacher eine Art "Event-Liturgie", die im Zuge der vom
nachkonziliaren "Überschwang" geprägten Experimentierphase Platz
griff. Viele Bischöfe hätten sich spätestens nach dem Erscheinen der
jeweiligen muttersprachliche Messbücher zu wenig darum gekümmert,
dass Liturgie und die "ars celebrandi" permanenter mystagogischer
Hinführung bedürfen. Es brauche also so etwas wie "Liturgiepastoral"
als "roten Faden" in der gesamten Seelsorge, um Wildwuchs und
Banalisierung vorzubeugen, unterstrich Redtenbacher.

"Liturgiam authenticam", die 2001 erschienene Übersetzer-Instruktion
der vatikanischen Kongregation für den Gottesdienst und die
Sakramentenordnung, markiert nach den Worten Redtenbachers eine
dritte Sackgasse im Bereich der Liturgie: Das Bemühen, das Missale
Romanum, das römische Messbuch wortgetreu in die jeweiligen
Volkssprachen zu übersetzen und dabei "alles bis ins Detail
zentralkirchlich zu regeln und vorzugeben", führe zu ritueller
Verengung und Erstarrung statt zur erwünschten Vertiefung.

Jüngste Vorstößen, die Kirche müsse den heute zahlreichen
"Fernstehenden" möglichst niedrigschwellige Zugänge zur Liturgie
ermöglichen und "Mut zu neuen Feierformen" finden, bewertet der
Klosterneuburger Liturgiewissenschaftler differenziert: Liturgische
Formen quasi im "Vorhof der Heiden" habe es immer schon gegeben,
erinnerte Redtenbacher an Feiern wie etwa die "Fleischweihe" im
ländlichen Bereich, an Feiern zum Martinifest oder andere Formen des
volksfrommen Brauchtums im Kirchenjahr. Er warnte aber vor einer
möglichen Entwicklung, demgegenüber die Vollform der Eucharistie als
"eigentliche Feier" in den Hintergrund zu drängen. Redtenbacher ist
überzeugt: Eine sachgerecht, einfach und würdig begangene Messfeier
gibt durchaus auch den Menschen "am Rand der Kirche" eine "Ahnung
davon, was die christliche Gemeinde da eigentlich tut".

 

(Quelle: Kathpress)

 

(Foto: 2-vatikanum1cc_heiligenlexikon1)

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