Tuesday 21. January 2020
Die wiederentdeckte Bibel

Das II.Vatikanum

Dr. Franz Kogler, Leiter des Bibelwerks Linz, erläutert, warum sich sich „die wieder entdeckte Bibel“ wie ein roter Faden durch das II. Vatikanische Konzil zieht.

 

 

1. „Wir stellen in dieser Aula (dem Petersdom) die Heilige Schrift auf, nicht die Tradition.“

 

Mit diesem so pointierten Satz machte der deutsche Kardinal Volk (Mainz) in der Versammlung auf ein starkes Symbol des II. Vatikanischen Konzils aufmerksam – und lenkte die Diskussion damit bewusst in eine von ihm gewünschte Richtung. In der Mitte der Peterskirche befand sich auf einem eigens dafür vorbereiteten Tisch ein kostbares Exemplar der Heiligen Schrift – eine Bibelhandschrift aus frühchristlicher Zeit. Dieses Buch war ein symbolischer Ausdruck dafür, dass das Wort Gottes das Fundament darstellt, auf dem die Kirche ruht, und dass die Bibel auch das Fundament der hier stattfindenden Beratungen bilden sollte.

Im Mai 1964 schrieb der evangelische Bischof Gerhard May in seinem Hirtenbrief: „Es überrascht, wie viele Bischöfe … eine Erneuerung des Glaubens und des Lebens der Kirche auf der Grundlage der Heiligen Schrift und nach biblischen Grundsätzen fordern.“

Kardinal Carlo Martini brachte es kurz vor seinem Tod auf den Punkt:„Das Zweite Vatikanische Konzil gab den Katholiken wieder die Bibel in die Hand“; die Gegenreformation ist vorbei.

 

2. Das Dokument über die Bibel war ein wichtiger Kristallisationspunkt des II. Vatikanischen Konzils.

 

Von den Vorbereitungen an war dieses Dokument heftig umstritten und wurde in allen Perioden des Konzils immer wieder diskutiert, abgeändert, neu formuliert – und erst nach einem intensiven Prozess in seiner jetzt vorliegenden Form genehmigt. Der ursprünglich vorgelegte (sehr restriktive) Text wurde klar abgelehnt – später mussten sowohl Papst Johannes XXIII. als auch Paul VI. in die Diskussion eingreifen, um ein Scheitern des Dokumentes – und damit auch ein mögliches Scheitern des Konzils – zu verhindern.

 

3. Zentrale Inhalte:

  • Die Bibel ist nicht Offenbarung über Gott, sondern in ihr offenbart Gott sich selbst: „Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens kundzutun“ (Dei Verbum 2). Die Offenbarung Gottes ist ein lebendiges Geschehen zwischen Gott und Menschen in Tat und Wort, das die personale Gemeinschaft und Freundschaft zwischen Gott und Mensch (vgl. 1Joh 1,2-3) zum Ziel hat (vgl. Dei Verbum 2; 8; 21–26), d.h. die Bibel ist kein Handbuch (und auch kein Katechismus!) mit einer Summe von Wahrheiten.
  • Ziel der Offenbarung in der Heiligen Schrift ist die getreue Überlieferung der „Wahrheit um unseres Heiles willen“ (Dei Verbum 11); d.h. es geht in der Bibel um die personale Gemeinschaft Gottes mit den Menschen, nicht um zeitbedingte naturwissenschaftliche und historische Informationen; die Bibel ist ein Buch des Lebens.
  • Im spannungsreichen Zueinander von Schrift und Tradition steht das Lehramt nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm, indem es hört, bewahrt und auslegt. Dei Verbum 10: „Das Lehramt ist nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm, indem es nichts lehrt, als was überliefert ist, weil es das Wort Gottes aus göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen Geistes voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu auslegt.“ Josef Ratzinger kommentiert dazu: „Es ist wohl das erste Mal in der Geschichte der katholischen Kirche, dass ein lehramtlicher Text die Unterordnung des Lehramtes unter das Wort betont und damit seinen Dienstcharakter.“ Der erste Dienst des Lehramtes ist somit das Hören.
  • Für die Auslegung der Bibeltexte ist die historisch-kritischen Methode unerlässlich.
  • Die Kirche verehrt die Heiligen Schriften wie den Herrenleib; sie nimmt vor allem in der Liturgie das Brot des Lebens vom Tisch des Wortes Gottes und des Leibes Christi, um es den Gläubigen zu reichen (vgl. Dei Verbum 21).

4. Konsequenzen bereits auf dem Konzil

  • Diese neue Sicht der Bibel hat Konsequenzen in zahlreichen Aussagen der anderen Dokumente des 2. Vatikanums. So wird in der Kirchenkonstitution Lumen Gentium für die Kirche das biblische Bild vom wandernden Volk aufgegriffen.
  • Im Dekret über die Ökumene wird die Schrift als ein „ausgezeichnetes Werkzeug beim Dialog“ bezeichnet. (Unitatis redintegratio 21)
  • In der Erklärung über die nichtchristlichen Religionen (vgl. Nostra Aetate 4) wird auf das reiche gemeinsame geistliche Erbe von Christen und Juden sowie auf die gegenseitige Kenntnis und Achtung als Frucht biblischer Studien hingewiesen.

5. Impulse, die weiterwirken

  • Am offenkundigsten für alle ist die vom Konzil geforderte Hochschätzung des Wortes Gottes  in der neuen umfangreicheren Leseordnung der Messliturgie (1969) geworden.
  • Das Anliegen einer zeitgemäßen Schriftauslegung wurde 1993 im Dokument der Päpstlichen Bibelkommission über die Interpretation der Bibel in der Kirche weitergeführt.
  • Im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Verbum Domini über das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche (2010) hat Papst Benedikt XVI. als Frucht der Bischofssynode von 2008 ausdrücklich empfohlen, „die biblische Pastoral nicht neben anderen Formen der Pastoral, sondern als Seele der ganzen Pastoral zu fördern“ (Verbum Domini 73). In Abschnitt 56 spricht er sogar von der „Sakramentalität des Wortes“. Wer das nachvollzieht beginnt anders zu denken über den Wortgottesdienst innerhalb der Eucharistiefeier und vor allem auch über Wort-Gottes-Feiern, in denen Christus ebenfalls – und zwar im Wort (!) – sakramental gegenwärtig ist.

Knapp vor seinem Tod formulierte Papst Johannes XXIII. (1963): „Nicht das Evangelium ist es, das sich verändert; nein, wir sind es, die gerade anfangen, es besser zu verstehen.“ Und in diesem Prozess sind wir noch mitten drin.

 

Weitere Informationen zur Bibel im Kontext II. Vatikanisches Konzil finden sich auch auf der Seite des Bibelwerks Linz

 

Foto: Flickr CC by-nc-sa kruemi.

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