Mittwoch 23. Mai 2018
Nur ein Becher frisches Wasser?

Predigt zum Sonntag der Völker 2015 von Sr. Kunigunde Fürst

© Diözese Linz

Liebe Gemeinde!

           

Ein Land der Vielfalt, das ist Kasachstan, in dem ich nun das dritte Jahr lebe. Die Bevölkerung dieses Landes ist ein buntes Völkergemisch. Es gibt ca 130 unterschiedliche Nationalitäten, also viele Zugehörigkeiten, viele Sprachen, viele Religionen.

Die Regierung des Staates legt (natürlich auch im eigenen Interesse) Wert auf ein Zusammenleben in Frieden und auf diverse Kooperationen.

 

Sie sieht in der bunten Vielheit eine Stärke, die freilich gepflegt werden will, wenn sie fruchtbar sein soll. Man versucht zu verschiedenen Anlässen wie zB. am „Tag der Sprachen“, der auch in den Schulen begangen wird.

 

In unserem kleinen Dorf mit etwa 200 BewohnerInnen leben wir zwei Schwestern mit Russen, Kasachen, Deutschen, Ukrainern und Polen. Hier erlebe ich konkret, was im Evangelium steht:  Ein Becher Wasser genügt, um eine Barriere zu überwinden, ja der Becher wird sogar „belohnt“, von wem immer er kommt! -„Nur ein Becher Wasser“ !

Wenn es um gegenseitige Hilfe geht oder wenn wir Schwestern Hilfe brauchen, dann ist jemand da- die Volks- oder Religionszugehörigkeit spielt dabei kaum eine Rolle. Bei unserem jährlichen Kinderlager, das „katholisch“ ist (weil von unserer Pfarrgemeinde getragen), finden sich Muslime und Orthodoxe gleichermaßen. Viele wollen auch etwas beitragen durch Nahrungsmittelgaben, damit es gelingt und für die Kinder diese Zeit zu einer „besonderen Woche“ wird.

 

So kann ich hier in Kasachstan hautnah erleben, was ich 1962 als Schülerin erstmals mit einem wirklich bewegenden Hochgefühl wahrgenommen habe:  damals wurde unser Schulalltag unterbrochen, und wir saßen wie gebannt vor dem Fernseher und verfolgten den Einzug der Konzilsväter in den Petersdom. Für uns war es das erste Erleben von Weltkirche oder besser von Kirche in aller Welt- in vielen Nationen und Sprachen, bei den Völkern dieser unserer Welt. Der Globus war plötzlich runder geworden, kleiner, komprimierter ...

 

Jetzt, 50 Jahre nach Abschluss des Konzils, ist es fast zur Normalität geworden, Menschen aus aller Herren Länder zu kennen, mit ihnen in Kontakt zu treten, sie als Mit-Glieder der einen Menschheitsfamilie zu sehen. Europa ist nicht die Welt, das Abendland ist nicht die Welt, auch wenn im wirtschaftlich & politischen Bereich die Meinung vorherrscht, im Westen sei das Glück zu finden bzw. aus dem Westen kommt das Heil.

 

Wir als ChristInnen sind auch ein Teil dieses großen Ganzen, (das freilich in viele Interessenslagen gesplittet ist). Wie fühlen wir uns in diesem Ganzen? Und als was? Sind wir wie kleine Funken, die das Licht des Glaubens an Jesus Christus aufblitzen lassen? Dass dies nicht mehr in überheblicher Besserwisserei oder Habenmentalität geschieht, sehe ich als Frucht dieses Konzils. Wir sind bescheidener geworden, hörender und aufmerksamer auf die Geschehnisse und das Leben der Menschen, denn Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi, sagt das Konzil in Gaudium et Spes 1.

 

Zwei  „kleine Dokumente“ des Konzils wie „Nostra aetate“ (Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen) oder „Dignitates humanae“(Erklärung über die Religionsfreiheit), - deren Entstehung betrachte ich wie ein Wunder des Gottesgeistes -sie haben ein neues Denken und damit eine Neuausrichtung der Kirche eingeleitet. Alle Völker sind ja eine einzige Gemeinschaft. Und es ist Aufgabe der Kirche, Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern. (Nostra aetate 1). Die Würde der menschlichen Person in ihrem Suchen nach Wahrheit und in ihrer Verantwortung muss anerkannt werden. An dieser Erkenntnis der Wahrheit gilt es festzuhalten (nach Dignitates humanae 2).

 

Damit öffnete sich die katholische Kirche (das ist unsere Kirche) auf alle Menschen hin und damit auf alle Völker, in welcher gesellschaftlichen Form sie auch leben mögen. Und dieses Zugehen, das wir Menschen uns oft selbst verbauen und verschütten, ablehnen oder in Frage stellen, ist eine zweiseitige Herausforderung:

 

MARKUS legt es im heutigen Evangelium Jesus in den Mund:  Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns. Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt- Amen ich sage euch, er wird nicht um seinen Lohn kommen. (Mk9,40f).

 

Ist ein Becher Wasser viel oder wenig? NUR eine Höflichkeitsgeste oder doch Überlebenshilfe? Für einen Österreicher ist ein Becher Wasser eine Kleinigkeit. Für einen Beduinen der Wüste ist dieser Becher Wasser eine Kostbarkeit. In Österreich fließt das Wasser aus der Leitung, in unserem Dorf in Nordkasachstan muss es in Kannen vom Dorfbrunnen geholt werden- es ist nicht ohne Abkochen oder Filtern trinkbar. Zusätzlich ist dann auch noch ein Thema, wie der Weg zum Brunnen bewältigt wird, wenn die Schneewehen im Winter fast haushoch sind oder das Kannenwagerl im Frühjahr im Dreck versinkt. Es kann auch nicht jederzeit Wasser geholt werden, es gibt „Ausgabezeiten“, die einzuhalten sind.

 

Ein Becher Wasser - wenig für jemanden, der das Wasser bereit hat, und doch viel, wenn es um Hilfe für einen Kranken oder einfach um das Löschen von Durst geht.

           

Und was noch auffällt an dieser Stelle des Evangeliums: nicht der Jünger Jesu ist es, der dem andern, dem Dahergelaufenen, etwas WASSER REICHT; sondern der fremde Andere ist es, der nicht zu JESUS Gehörende, der Jesus und den Jüngern 'ins Handwerk pfuscht'. Doch gerade diesem spricht Jesus den Lohn für seine Geste der Hilfe zu.

 

Nicht wir, die Christen, sind immer nur die Gebenden und damit die vermeintlich Guten. Wir sind ebenso Empfangende, wenn wir annehmen können, was uns gereicht wird.

Der andere, der außerhalb des Jüngerkreises stehende, der von „draußen“ kommt, der zwar das Tun Jesu nachahmt ohne dazuzugehören, dem traut Jesus zu, dass er den Becher Wasser reicht.

 

Es ist ein Perspektivenwechsel angesagt. Das Evangelium lenkt den Blick auf die andere Seite, auf den Nicht- Insider, auf den nicht zu Gesicht Stehenden, auf den, der nicht ins Schema passt; auch auf die Suchenden und Fragenden, auf Zweifler und Distanzierte; auf Menschen einer anderen Kultur und Lebensweise. In vielen von ihnen ist Gutes wirksam. Das Evangelium lenkt unseren Blick hin auch auf die uns so FREMDEN, die einfach kommen und mit uns leben wollen.

 

Ich denke, das Konzil hat uns hier einen Auftrag für die Zukunft des Miteinander auf unserem Globus mitgegeben: Nehmen wir die Gesten des Zugehens aufeinander wahr?

 

Es genügt manchmal, NUR den Becher WASSER anzunehmen, der uns gereicht wird, um ins Gespräch miteinander zu kommen. Es genügt oft, dem Fremden zu trauen trotz seines Andersseins, seine Kultur und Tradition zu achten, sich dafür zu interessieren,….

           

Gerade dies ist es, was ich hier in Kasachstan erlebe. Und dieses Zugehen ist unspektakulär, es beruht auf der Kraft der Mitmenschlichkeit, auf der Anerkennung des „gereichten Bechers“.

 

Tag der Völker, Tag des Erinnerns, dass wir ein Teil der großen Völkergemeinschaft sind, miteinander unterwegs und einander unterstützend. Freilich auch mit Misstönen und Unverständnis bis zu Grausamkeiten behaftet.

 

Der Tag der Völker will unsere Aufmerksamkeit auf das Gute im andern Menschen lenken, der aus einem uns fremden Kulturkreis kommt oder in einer anderen Gesellschaftsform lebt. Dieser Tag ist lässt uns fragen, wie dieses Gute zu wecken und zu fördern ist, auch wenn es NUR ein BECHER Wasser ist, den man uns reicht.

 

Sr. Kundigunde Fürst

Tonkoschurowka, Mai/Juni 2015

 

Die Predigtvorlage zum Download

http://konzilsgespraeche.at/
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