Montag 24. September 2018

Krieg und Frieden

Diözese Linz/Kraml

„Nach Europa zu fliehen bedeutet, jede Hoffnung auf Heimat aufzugeben“

Hat Friede in den Krisengebieten der Welt überhaupt eine Chance? Ein Thema, das an Aktualität kaum mehr zu übertreffen ist, wurde beim Auftakt der diözesanen Veranstaltungsreihe „Talk im Dom“ von ExpertInnen leidenschaftlich diskutiert.

In der Rudigierhalle des Linzer Mariendoms beleuchteten am 22. September 2015 drei ExpertInnen vor einem interessierten Publikum unterschiedliche Aspekte zum Thema „Krieg und Frieden“: Mag.aPetra Ramsauer (freie Journalistin, Kriegsberichterstatterin und Autorin), Univ.-Prof. Dr. Helmut Renöckl (emeritierter Professor für Moraltheologie) und Brigadier Nikolaus Egger (Kommandant der Heeresunteroffiziersakademie in Enns). Alle drei wissen aus eigener Erfahrung, was Leben im Krieg bedeutet. Diskutiert wurden unter anderem die Ursachen für den Krieg in Syrien und mögliche Lösungsansätze sowie die Rolle der Religionen in kriegerischen Auseinandersetzungen.

 

 

Ist der Krieg in Syrien überhaupt zu stoppen?

 

Mag.a Petra Ramsauer ist seit 1999 Krisen- und Kriegsreporterin und hat aus Afghanistan, Syrien, dem Irak, dem Sudan, aus Libyen, Ägypten und dem Tschad berichtet. Der Autorin und freien Journalistin ist es ein Anliegen, aus Krisenherden zu berichten und erfahrbar zu machen, was Menschen dort erleben und warum sie flüchten. „Die Willkür dort, das Ausgeliefertsein der Menschen und deren oft herzzerreißender Versuch, ein Stück Normalität zu leben“, prägen ihre Berichterstattung. Ramsauer fordert für eine Lösung im Syrien-Konflikt eine internationale Friedenskonferenz mit allen Key Playern der Region. Denn: „Wenn Syrien mit Müh und Not stabilisiert wird, heißt das noch lange nicht, dass der Irak stabilisiert ist. Und wenn der Irak stabilisiert wird, bedeutet das noch lange keine Stabilisierung der Großmachtpolitik von Saudi-Arabien und Iran.“ Für Ramsauer geht der Beginn des Syrien-Konflikts auf das Sykes-Picot-Abkommen (1916) und dessen Ordnung des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg zurück. „Diese Grenzziehungen haben Bruchstellen durch die Region gezogen, die nie geheilt sind.“ Auch die siebenjährige Dürre vor Ausbruch des jetzigen Krieges habe das Land massiv geschwächt und das ohnehin fragile Gleichgewicht zwischen der sunnitischer Mehrheit und der alevitischen Minderheit kippen lassen. „Es braucht die Bereitschaft, heilige Kühe zu schlachten und etwa die 1916 gezogenen Grenzen im Nahen Osten zur Disposition zu stellen. Ein Vorteil ist dabei die derzeitige Veränderung der geostrategischen Realitäten: Die Abhängigkeit von Rohöl sinkt“, analysiert Ramsauer. Sie weiß aus ihren Aufenthalten in Syrien: „Nach Europa zu fliehen bedeutet, jede Hoffnung auf Heimat und auf Syrien aufzugeben.“

 

Brigadier Nikolaus Egger, Kommandant der Heeresunteroffiziersakademie in Enns, hat mehrjährige Auslandseinsätze u. a. in Zypern, Israel und Syrien hinter sich. Auch er konstatiert als Grund für die derzeitige Migrationswelle, dass die Menschen in Syrien die Hoffnung verloren haben. Für ihn ist der Bürgerkrieg in Syrien ein „Nebenprodukt“ des arabischen Frühlings: Aus Protesten gegen das Assad-Regime wurde ein inzwischen vier Jahre andauernder Bürgerkrieg, in dem „nicht mehr überschaubar ist, wer gegen wen kämpft“. Die internationale Vernetzung sei zwar eine erste Chance mit einer Annäherung zwischen den Key Playern USA und Russland. Aber: „Fruchtbringende Verhandlungen können frühestens im nächsten Jahr stattfinden.“ Eggers Lösungsansatz: „Man muss Assad wie auch immer einen Ausstieg gewähren – Stichwort Exil –, eine große Pardonierungswelle starten und sich einig werden, in welche Richtung man geht. Lauter Wünsche, die derzeit nicht in Erfüllung gehen werden.“ An erster Stelle stehe der internationale Wille, diesen Krieg zu beenden, so Egger. Wirtschaftliche und internationale Verbindungen seien aber so verwoben, dass „diplomatische Bemühungen sich zum Teil selber im Weg stehen“.

 

Univ.-Prof. Dr. Helmut Renöckl, emeritierter Professor für Moraltheologie unter anderem an der Südböhmischen Universität in Budweis, hat als Kind das Kriegsende in Ottensheim erlebt und ist durch diese und andere Kriegserfahrungen (Balkankrieg) geprägt. Grundsätzlich hält er es für „wünschenswert, aber leider absolut nicht üblich, vorausschauend Gewaltspiralen möglichst frühzeitig zu bremsen“. Für den Krieg in Syrien sieht er als eine mögliche Lösung die Einführung von „Schutzzonen, wo Menschen wieder zu Atem kommen und Fuß fassen können“.

 

Warum sind Religionen immer in Kriege involviert?

 

Auf diese Frage angesprochen, betonte Renöckl, alle Religionen hätten nicht nur Friedensgeschichten, sondern auch ausgesprochene Gewaltgeschichten aufzuweisen. Ein bestimmtes Persönlichkeitsprofil sei in religiösen Gemeinschaften stärker vertreten als anderswo: „Eine gewisse Ungeduld, ein gewisses positives Wollen, aber wenig Bereitschaft, für noch so wertvolle Ziele die notwendigen Wege und Zwischenschritte zu gehen. Man möchte das Gute ganz schnell und ist auch bereit, das mit Gewalt zu erreichen.“ Wer etwa in die Bibel schaue, sehe, dass Heils- und Unheilsgeschichte finden ständig mit- und nebeneinander stattfänden und es unrealistisch sei, einen „Paradieszustand“ wiederherstellen zu wollen: „Unsere Aufgabe ist es, geschichtsfähig zu werden und eine schwierige, widersprüchliche Wirklichkeit zu kultivieren“, so Renöckl. Man müsse wahrnehmen, dass die Kruste der Humanität dünn und leicht zerbrechlich sei. „Natürlich ist die christliche Botschaft eine Friedensbotschaft. Die unbedingte Gewissheit, dass uns ein letzter Halt in Gott als Schöpfer und Erlöser zugesagt ist, macht innere Durchhaltekraft für Schritte in die richtige Richtung möglich – trotz schwierigster Realitäten.“

Gefragt, ob der Islamische Staat (IS) den Islam verzwecke, meinte Ramsauer, der IS habe mit dem Islam so gut wie gar nichts zu tun. „Der IS Bedient sich oberflächlich islamischer Codes und verfremdet Strukturen des Islam – er ist für mich eine Mischung aus Sekte und Terrorgruppe, die stark von ehemaligen Offizieren des Saddam-Hussein-Regimes geführt wird. Nicht eine Religion an sich wird als Machtinstrument missbraucht, sondern die verschiedenen Teile des Islam, also Sunna und Schia.“ Mit dem spirituellen Konzept des Islam habe das alles wenig zu tun, so die Journalistin.

 

Wie könnte der IS gestoppt werden?

 

Gibt es nun eine Möglichkeit, den IS zu stoppen? Grundsätzlich ja, so Ramsauer, es brauche dazu aber eine handlungsfähige Regierung in der Türkei. Mit dieser müsse man sich darauf verständigen, dass der Ölschmuggel über die Grenze der Türkei unterbunden werde, denn: „Der IS verdient 2 Millionen Euro am Tag mit Ölschmuggel – damit kann man den Krieg sehr gut finanzieren.“ Ein weiterer Aspekt: 80 % der IS-Kämpfer sind Ausländer, der Großteil aus Europa. Es brauche also eine Isolierung des IS durch eine politisch-diplomatisch-militärische Lösung. Ein zweiter Schritt, so Ramsauer, sei es, den Sunniten im Irak Alternativen für eine autonome Lösung anzubieten, die nicht über den IS führt. „Für mich ist der IS nicht das Problem, sondern das grauenhafte Symptom eines Problems – eines Vakuums und der Unwilligkeit der regionalen Mächte und der Großmächte. Die Frage ist doch: Was ist der Plan B? Was kommt nach dem IS?“ Ramsauer sprach sich für die Entsendung friedenserhaltender Soldaten aus und wies darauf hin, dass der IS auch ein europäisches und ein christliches Problem ist: „Jeder Sechste, der aus Europa in den Djihad gezogen ist, ist kurz davor vom Christentum in den Islam konvertiert. Es ist also Eile geboten – denn mit jedem Monat verschlimmert sich das Problem.“

 

Was können Länder wie Österreich zum Frieden beitragen?

 

Dass es einer raschen Lösung bedarf, unterstrich auch Brigadier Egger. Aus militärischer Sicht sei ein Kampf gegen den IS nur mit Bodentruppen möglich, aber unrealistisch, denn: „Wer ist gewillt, Bodentruppen in diese Situation zu entsenden? Ich weiß es nicht.“ Auch eine schnelle politische Lösung sei nicht sehr wahrscheinlich. Auch die von Renöckl thematisierten Schutzzonen seien nur kleine Eckpunkte. Egger offen: „Die Krisenherde auf Welt sind inzwischen so zahlreich, dass die UNO mit der Entsendung der Friedenssoldaten überfordert ist – und die Länder, die Truppen stellen, haben ein finanzielles Problem.“

Renöckl und Egger forderten für die Flüchtlingsproblematik eine rasche europäische Lösung. Renöckl: „Europa war bei seiner Gründung im Kern ein Anti-Kriegs-Projekt – aber nun droht dieses Projekt steckenzubleiben. Europa ist wirtschaftlich potentiell ein Riese, politisch ein Zwerg und militärisch ein Wurm. Dabei hätte Europa die Aufgabe einer Sicherheits- und Ordnungsmacht – der Rückfall in nationale Egoismen bringt uns nicht weiter.“ Egger schlägt in die gleiche Kerbe: „Wir geben unser Bestes: als NGO, als Einzelhelfer, als organisierter Verband, aber wir werden an Grenzen stoßen. Und der Zeitdruck ist groß.“

Ramsauer fand klare Worte für die Haltung vieler EuropäerInnen und ÖsterreicherInnen: „Wir in Europa bzw. Österreich tun, als hätten wir ein verbürgtes Recht darauf, dass unsere Welt so heil bleibt, wie sie ist. Wir schaffen uns ein Kunstprojekt, das mit der Wirklichkeit eines Großteils der Menschen nichts zu tun hat. Wir wiegen uns in einer eigenartigen Sicherheit: Kriege sollen geführt werden, ohne dass Menschen sterben. Unser Reichtum soll bestehen bleiben, obwohl so viele Menschen dafür hungern. Wir glauben, das geht ewig so weiter.“ Es gelte, die europäische bzw. österreichische Bevölkerung, die im Frieden lebe, darauf vorzubereiten, dass große Veränderungen im Raum stünden und dass diese Veränderungen von einer tiefen Gerechtigkeit getragen seien – auch wenn es „eine bittere Geschichte ist, die erzählt werden muss“.

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